Die Dopingkommission bei den Olympischen Winterspielen 1976

Als medizinhistorischer Verein haben wir das besondere Glück, nicht nur viele unglaublich spannende Objekte in unserer Sammlung, sondern auch mindestens ebenso interessante Zeitzeug*innen auf unserer Mitgliederliste vorweisen zu können. Einer davon, unser Schriftführer ao. Univ.-Prof. Dr. Edwin Knapp, berichtete uns am 16.1. von seinen Erfahrungen als leitender Mediziner in der Dopingkommission bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck.

Nach der Begrüßung durch unseren Obmann Mag. Dr. Christian Lechner und anschließend durch DDr. Wolfgang Markl, M.Sc., dem kaufmännischen Direktor des LKH Hall in Tirol, entführte uns Prof. Knapp auf unterhaltsame und abwechslungsreiche Art und Weise ins olympische Innsbruck des Jahres 1976.

Da Dopingkontrollen damals noch recht neu waren, liefen die Dinge teilweise ein wenig ungeordnet ab. So wurde Prof. Knapp beispielsweise trotz offizieller Schilder am Auto die Zufahrt zu diversen Wettkampfstätten verwehrt. Erst als er sich selbst ein Schild bastelte, das ihn als Gesamtleiter der Dopingkontrolle auswies, durfte er überall hinein.

Das selbstgebastelte Schild von Prof. Knapp (links) sowie die offiziellen Zutrittsschilder (rechts).

Zur Veranschaulichung seiner Erzählungen brachte Prof. Knapp nicht nur die genannten Schilder, sondern eine ganze Sammlung an Unterlagen, Zeitungsartikeln, Bestätigungen und Unterschriften mit. Da bei jedem Bewerb die vier Bestplatzierten sowie zwei zufällig ausgewählte Sportler*innen getestet wurden und dabei unter anderem auch ein Formular unterschreiben mussten, besitzt Prof. Knapp mit all diesen Formularen heute eine umfangreiche Autogrammsammlung der Wintersportwelt von 1976.

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Prof. Knapp mit seinen Materialien, die genannten Formulare befinden sich in den blauen Ordnern.

Als die erste Probe positiv war und somit der erste Dopingfall auftrat, galt es, ein genaues Prozedere einzuhalten. Die betroffene Athletin sowie deren Betreuerstab mussten informiert und zur Öffnung und Kontrolle der B-Probe im Beisein einer medizinischen Kommission eingeladen werden. Als dieser Termin am nächsten Morgen stattfand und die B-Probe geholt werden sollte, mussten die anwesenden Mitglieder der Dopingkommission erschrocken feststellen, dass über Nacht eingebrochen worden war und jemand alle auffindbaren B-Proben geöffnet und somit unbrauchbar gemacht hatte. Der Sportlerin konnte somit nichts nachgewiesen werden und sie durfte ihre Medaille behalten. Um solche Vorfälle in Zukunft zu verhindern, wandte sich Prof. Knapp an die neu eröffnete Bank im Olympischen Dorf. Da diese noch nicht viel Betrieb hatte, war der Tresor nicht in Verwendung und es gelang Prof. Knapp, den Tresorraum für die verbleibende Zeit der Winterspiele zu mieten. Da sich alle Schlüssel bei ihm befanden und er die B-Proben eigenhändig im Tresor deponierte, waren sie somit vor weiteren Einbrüchen geschützt.

Neben vielen weiteren spannenden, eindrücklichen und unterhaltsamen Erzählungen zeigte Prof. Knapp auch noch ein Video von der Versiegelung der Proben, die mittels eines Wachssiegels und einer Plastikfolie, die mit einem Heißluftföhn auf den Becher geschmolzen wurde, verschlossen wurden.

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Gespannt lauschen die Zuhörenden den unterhaltsamen Ausführungen von Prof. Knapp.

Besonders in Erinnerung blieb auch der Bericht über den Abfahrtssieg der Ski-Legende Franz Klammer, der im Zielbereich von einer jubelnden, feiernden Menschenmenge umgeben war, die es dem Dopingteam verunmöglichte, zum Sieger zu gelangen, der aber eine Probe abgeben musste. Erst mithilfe des anwesenden und eilig angesprochenen Roten Kreuzes, das vorsichtig mit Blaulicht in die Menschenmenge fuhr, gelang es, Klammer zur Kontrolle zu „liefern“.

Nach dem Vortrag von Prof. Knapp gab es noch die Möglichkeit, Fragen zu stellen sowie ein Glas Wein oder Saft zu genießen, was beides gerne genutzt wurde. Anschließend wanderte ein Teil der Gruppe noch weiter ins wieder eröffnete Restaurant Geisterburg, um deren hausgemachte Pizza und weitere Köstlichkeiten zu probieren.