10. MuGI-Abend am 22.10.2026

Die Kinderlähmung in Österreich im 20. Jahrhundert

Ass.-Prof.in Mag.a Dr.in Marina Hilber (Innsbruck)

Der mittlerweile zehnte medizinhistorische Vortragsabend unserer MuGI-Reihe (Medizin und Geschichte Innsbruck) fand am 22.10.2025 im großen Hörsaal der Kinderklinik Innsbruck statt. Dort wurden die interessierten Anwesenden zunächst vom Direktor der Univ.-Klinik für Pädiatrie I, Univ.-Prof. Mag. Dr. Thomas Müller begrüßt, bevor unser Obmann Mag. Dr. Lechner kurz ins Thema einführte und dabei die Referentin vorstellen durfte.

Eindruck von der Diskussion am Ende des Vortrages von Frau Prof. Hilber (©  Freundeskreis Pesthaus).
Eindruck von der Diskussion am Ende des Vortrages von Frau Prof. Hilber (© Freundeskreis Pesthaus).

In ihrem anschließenden Vortrag „Die Kinderlähmung in Österreich im 20. Jahrhundert“ zeichnete Ass.-Prof.in Mag.a Dr.in Marina Hilber die historische Entwicklung der Poliomyelitis in Österreich nach und beleuchtete dabei sowohl medizinische als auch gesundheitspolitische Aspekte einer der bedeutendsten Infektionskrankheiten des vergangenen Jahrhunderts.

Zu Beginn führte die Referentin in die medizinische Grundproblematik der Poliomyelitis (Kinderlähmung) ein: Die hochinfektiöse Krankheit führte im frühen 20. Jahrhundert in industrialisierten Ländern zu wiederholt alarmierenden Krankheitswellen mit schwersten, teils tödlichen Lähmungen bei Kindern und Jugendlichen. Vor Einführung der Impfung stellten technische Hilfsmittel wie die sogenannten „eisernen Lungen“ einen zentralen Bestandteil der Therapie dar, da sie bei schwer betroffenen Patient:innen mit Atemlähmungen eine maschinelle Beatmung über teils lange Zeiträume ermöglichten. Erst in den 1950er- und 1960er-Jahren konnten mit der Einführung wirksamer Impfstoffe nachhaltige Rückgänge erzielt werden, wobei insbesondere die von Jonas Salk (USA, 1914–1995) und Albert Sabin (Russland bzw. Polen, später USA, 1906–1993) entwickelten Vakzinen eine zentrale Rolle spielten: Während der inaktivierte Salk-Impfstoff ab Mitte der 1950er-Jahre erstmals einen verlässlichen individuellen Schutz bot, ermöglichte die orale Sabin-Vakzine in den 1960er-Jahren breit angelegte Impfkampagnen und trug entscheidend zur Unterbrechung der Viruszirkulation bei.

Prof. Hilber erörterte die epidemiologischen Verläufe in Österreich im 20. Jahrhundert: Erste nennenswerte Ausbrüche traten ab den 1930er-Jahren gehäuft auf, mit extremen Belastungen für Patient:innen, Familien und das Gesundheitswesen. In Tirol wurden etwa 1937 erste Fälle registriert, die sich entlang des Inntales ausbreiteten.

In Vorarlberg kam es in der Nachkriegszeit zu markanten Krankheitswellen, insbesondere 1947 mit 165 Erkrankten und 11 Todesfällen sowie 1958 mit 148 Erkrankungen und 37 Todesfällen, die das Ausmaß der Polio-Epidemien in der Region dokumentieren. Als Besonderheit für Vorarlberg berichtete Frau Prof. Hilber vom 1955 in Bad Diezlings begründeten „Körperbildungs-Institut bei Kinderlähmungsfolgen und Gehbehinderungen“, welche rehabilitative Behandlungen für Patient:innen mit Poliomyelitis-Folgen anbot. Leiter war Wilhelm Püschel, der kein approbierter Arzt, sondern promovierter Staatswissenschaftler und Heilmasseur war. Das Institut war in den 1950er-Jahren stark frequentiert, musste jedoch 1961 im Zuge finanzrechtlicher Ermittlungen den Betrieb einstellen.

Auch nach der breiten Einführung der Impfung traten in Vorarlberg 1968 und 1971 noch einzelne Erkrankungsfälle auf, ohne jedoch zu weiteren Todesfällen zu führen; dies belegt die nachhaltige Wirkung der Impfprogramme und die veränderte epidemiologische Lage.

Darüber hinaus verband die Referentin die österreichische Geschichte mit internationalen Entwicklungen der Poliomyelitis-Impfung, etwa der Einführung des ersten inaktivierten Polio-Impfstoffes Mitte der 1950er-Jahre und der oralen Vakzine in den 1960er-Jahren, die die globale Eindämmung der Krankheit maßgeblich vorantrieben.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurden die historischen Erfahrungen mit der Kinderlähmung in Beziehung zu heutigen Impfstrategien und zur öffentlichen Wahrnehmung von Infektionskrankheiten gesetzt. Besonders hervorgehoben wurde, wie medizingeschichtliche Perspektiven zum besseren Verständnis gegenwärtiger Herausforderungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit beitragen können. Der MuGI-Abend bot damit einen fundierten, fachlich präzisen Einblick in ein zentrales Kapitel der österreichischen Medizin- und Sozialgeschichte.

Beitragsbild: Bundesarchiv, Bild 183-71807-0002, Kindergarten, Schutzimpfung gegen Kinderlähmung.