ao. Univ.-Prof. Dr. Edwin Knapp – Nachruf auf meinen Freund und Mentor

Womit beginnt man einen sog. Nachruf über eine Person, mit der man über viele Jahre verbunden war? Welche Worte und Formulierungen spiegeln den Wert und die Position dieser Person im eigenen Leben authentisch wider? Worüber würde sich die Person vielleicht selbst freuen, worüber weniger?

Solche und ähnliche für mich schwer zu beantwortende Fragen haben es in den letzten Monaten verhindert (und erschweren es auch weiterhin), dass ich den von mir selbst geforderten und von Anderen erwünschten Nachruf auf ao. Univ.-Prof. Dr. Edwin Knapp, Freund, aktives Vereinsmitglied und hierbei seit 2018 umsichtiger Schriftführer und für mich zudem auch wichtiger Mentor, verfasse. Natürlich hat auch die Befürchtung vor erneuter tieferer Trauer das Hinsetzen und „einfach mal losschreiben“ erschwert. Nachdem nun jedoch vor wenigen Tagen Edwins 86. Geburtstag gewesen wäre, komme ich nicht umhin, trotz aller Befürchtungen ob eines unzulänglichen, zu wenig persönlichen oder zu privaten Nachrufs zu beginnen.

 

An diesem Beginn stehen, wie üblich, biographische Bemerkungen. Dieser Abschnitt wird dadurch erleichtert, dass er Edwins eigenem „Portrait“ in unserem Jahresbericht von 2015 folgt:

Edwin wurde am 10.02.1940 in Altaussee als Sohn des dorthin als Salinen- und Gemeindearzt kriegsdienstverpflichteten Dr. Hugo Knapp und seiner Frau Frieda geboren und besuchte nach dem Zweiten Weltkrieg die Volksschule in Schwaz, das humanistische Gymnasium der Franziskaner in Hall in Tirol und das Bischöfliche Gymnasium Paulinum in Schwaz, wo er 1958 maturierte. Im gleichen Jahr begann er das Medizinstudium in Innsbruck, wo er 1964 zum „Dr.med.univ.“ promovierte. Nach einem Jahr als Assistent am Anatomisch-histologisch-embryologischen Institut unter Univ.-Prof. Mag. DDr. Gustav Sauser, begann er 1965 die Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin unter Univ.-Prof. Dr. Dr.h.c.mult. Herbert Braunsteiner. 1971 erhielt er das Facharztdiplom für Innere Medizin, 1984 den Additivfacharzt für Kardiologie und 1995 den Additivfacharzt für internistische Sportheilkunde.

Nach einem Studienaufenthalt in Minneapolis (USA) bei Prof. Dr. F. Halberg, Dep. of Laboratory Medicine and Pathology, Univ. of Minnesota 1969, wo Edwin sich mit der Circadianrhythmik des Menschen wissenschaftlich beschäftigte, wurde er von 1971 bis 1977 dem Institut für Sport- und Kreislaufmedizin unter HR. Prim. Prof. Dr. E. Raas als Oberarzt zugeteilt. Hier war er maßgeblich am Auf- und Ausbau des Instituts beteiligt und war während der Olympischen Winterspiele 1976 in Innsbruck der Leiter der Dopingkontrolle. Medizinhistorisch interessant ist Edwins komplette Sammlung der Unterschriften aller Medaillengewinner unter den Dopingkontrollprotokollen.

1972 heiratete Edwin seine Kollegin Dr. Elfriede Staudinger, die später die Chefärztin der Pensionsversicherung der Angestellten in Innsbruck werden sollte. Die Ehe blieb kinderlos. 2006 verstarb seine Frau nach kurzem Leiden.

1977 erfolgte die Verleihung der Lehrbefugnis als Universitätsdozent für Innere Medizin. Die Habilitationsschrift befasste sich mit der Impedanzkardiographie, einer Methode zur unblutigen Bestimmung des Herzschlagvolumens und erschien in der Wiener Klinischen Wochenschrift 88, Supp. 58 (1976). 142 Originalarbeiten, 14 Übersichtsartikel und Buchbeiträge, 33 gedruckte Abstracts sowie zahlreiche Vorträge auf wissenschaftlichen Kongressen und Fortbildungsveranstaltungen runden seine wissenschaftliche Arbeit ab.

Ab 1978 zurück an der Medizinischen Klinik übernahm Edwin die Leitung der EKG-Abteilung, und baute die nicht-invasive Kardiologie, einschließlich der Echokardiographie und Duplexsonographie, aus. Es wurde eine Schrittmacherambulanz installiert und bereits 1990 ein komplettes IT-System für die Abteilung eingerichtet. Edwin übernahm auch die Leitung des Herzkatheterlabors, sorgte für eine Modernisierung der Anlage und führte gemeinsam mit V. Mühlberger die Coronarangiographie und die Ballondilatation in Innsbruck ein. 1984 wurde ihm der Titel eines außerordentlichen Universitätsprofessors verliehen. Ab 1987 war er bis zur Emeritierung von Prof. Braunsteiner 1993 der geschäftsführende Oberarzt der Medizinischen Klinik. Ende März 2003 wurde Edwin pensioniert.

Schon während seiner Aktivzeit entwickelte Edwin ein vorsorgemedizinisches Programm im Rahmen des AVOMED zur Bekämpfung der Arteriosklerose in Form von Dorfgesundheitswochen und hat seit 1992 und 2019 125 Tiroler Dörfer ein- bis mehrmals besucht. Auch ein Gesundheitserziehungsprogramm über dieses Thema für Volksschüler wurde entwickelt.

Edwin war aber auch als Standesvertreter viele Jahre aktiv. Neben der Tätigkeit im Dienststellenausschuss der Universität war er von 1970 bis 1990 Vorstandsmitglied, von 1976 bis 1978 2.Vizepräsident und von 1978 bis 1982 1. Vizepräsident und Finanzreferent der Tiroler Ärztekammer.

2018 erhielt Edwin eine Diagnose, die über die Jahre immer wieder intensive Therapie erforderte, ihn aber die meiste Zeit dieser letzten Jahre dennoch aktiv bleiben ließ. Am 14.04.2025 verstarb Edwin nach kurzer Zeit im Hospiz in Hall.

 

Aufgrund unseres Altersunterschiedes von knapp 50 Jahren kann ich persönlich zu den oben berichteten Ereignissen wenig beitragen und konzentriere mich im folgenden Abschnitt, nämlich der Bedeutung von Edwin für unseren Verein, auf die gemeinsam erfahrene Zeit seit 2014 bzw. vor allem 2015.

Im Herbst 2014 erhielt ich knapp nach meinem Abschluss an der Medizinischen Universität Innsbruck die Einladung zur 2. Herbert Braunsteiner Lecture im Hörsaal des Medizinzentrums Anichstraße. Bereits im Flyer wurde die Person Herbert Braunsteiner kurz vorgestellt als großer Internist und ehemaliger Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin zwischen 1964 und 1993. Der Hauptprogrammpunkt war zwar ein kardiologischer, diesem vorangestellt war allerdings die Buchpräsentation „Herbert Braunsteiner“ von einem gewissen ao. Univ.-Prof. Dr. Edwin Knapp. Gerade dieser letzte Punkt interessierte mich, hatte mir Vereinsgründer und Obmann HR Dr. Christoph Neuner, den ich selbst erst wenige Wochen vorher kennengelernt hatte, doch bereits im Vorfeld mitgeteilt, dass Edwin ebenfalls seit 2003 Mitglied beim Freundeskreis Pesthaus sei. So habe ich dann am 20.11.2014 erstmalig Edwin sprechen hören und war ob seiner sorgfältig vorbereiteten Buchpräsentation sehr beeindruckt. Dabei war es ihm offensichtlich sehr wichtig, all jenen Personen ehrlich zu danken, die zum erfolgreichen Abschluss dieses Buches beigetragen haben. Zwar war ich vorher nur bei einigen wenigen Buchpräsentationen, aber die Art und Weise, wie Edwin so transparent die Leistungen aller Beteiligten honorierte, war mir neu und wird mir deswegen immer als Vorbild in Erinnerung bleiben. Schon vorher hatte ich mit dem Gedanken gespielt, Mitglied beim Freundeskreis Pesthaus werden zu wollen, dieser Abend und die Tatsache, dass Persönlichkeiten wie Edwin Teil dieses Vereins waren bzw. sind, haben mich vom Vereinsbeitritt überzeugt. Hier kann ich viel lernen, habe ich mir gedacht, wie viel und auf welchen Ebenen, das war mir damals allerdings noch nicht annähernd bewusst. Eine Gelegenheit für ein persönliches Kennenlernen mit Edwin gab es aufgrund der vielen Besucher dieses Abends leider noch nicht.

Erst kurz darauf, konkret auf der Generalversammlung des Freundeskreis Pesthaus am 9. Dezember 2014, trafen wir uns persönlich. Denn Edwin war bereits im „Riesen Haymon“ vor Ort auf die Versammlung wartend, und dies obwohl ich selbst auch recht früh eintraf. Mir war der bereits dort Sitzende natürlich sogleich bekannt, höflich und bescheiden hat sich Edwin aber mit „Dr. Knapp“ vorgestellt und mich gleich zu sich an den Tisch eingeladen. So konnten wir uns zumindest kurz noch etwas unterhalten, bevor dann die anderen Vereinsmitglieder erschienen und die Jahreshauptversammlung begann. Auf dieser wurde, nach bereits vorheriger Anfrage durch HR Dr. Neuner, ich von den Anwesenden zum Sammlungsbeauftragten gemacht. Die damals erste Aktion war die Bestückung einer Vitrine am Anatomischen Institut, was von den Vereinsmitgliedern gerne befürwortet wurde. Edwin hat dabei gleich schon erzählt, dass er sein erstes Jahr nach der Promotion als Assistent beim bekannten Anatomen Gustav Sauser am Institut absolviert hat. Auch der anwesende Univ.-Prof. Dr. Hartmann Hinterhuber wusste diesbezüglich einiges zu berichten, kurzum, es war für mich ein sehr spannender Einstieg beim Verein und ich war regelrecht euphorisch, künftig mit Gleichgesinnten an medizinhistorischen Projekten arbeiten zu können.

In der Folge ergab sich gleich bei mehreren Projekten die Möglichkeit zur Zusammenarbeit und zum besseren Kennenlernen, die erste solche gemeinsame Ausstellung eröffneten wir bereits im November 2015 im Centrum für Chemie und Biomedizin. Ab diesem Zeitpunkt stand praktisch fest, dass es immer Edwin und ich sein sollten, die federführend inhaltlich wie organisatorisch das Ausstellungswesen des Freundeskreis Pesthaus dirigierten. Auch in schwierigen Situationen behielt Edwin immer einen kühlen Kopf und leitete mich konstruktiv zum Ziel. Eine besondere Veranstaltung war hierbei der Vortrag von Ass.-Prof. Dr. Karl-Heinz Künzel am 06.04.2016 zum 25-jährigen Ötzi-Jubiläum, nämlich insofern, als dass Edwin mir an diesem Abend das „Du“ angeboten hat.

Foto (v.l.n.r.): Univ.-Prof. Dr. Ernst Bodner, Univ.-Prof. Dr. Edwin Knapp, Roland Schreier (Leiter Hypo Klinikfiliale, verstorben), Univ.-Prof. Dr. Lukas Huber (Direktor des Instituts für Zellbiologie), Univ.-Prof.in Dr.in Fritsch (Rektorin Medizinische Universität Innsbruck, 2013-2017), HR Dr. Christoph Neuner, Dr. Hannes Stofferin, Mag. Dr. Christian Lechner
© MUI – Dr. Barbara Hoffmann-Ammann

Nicht allein das Ausstellen von Objekten war Edwins Verdienst, auch beim Erhalt von Objektstiftungen und Donationen zeigte sich Edwins großes persönlich-privates wie berufliches Netzwerk und Vermittlungsgeschick. An dieser Stelle alle Objekte einzeln aufzulisten, deren Existenz in unserer Sammlung Saluteum, wir Edwin verdanken, würde den Umfang dieses Nachrufs sprengen, deshalb seien hier als wichtigste Schenkungen nur die Lichtmikroskopie von Herrn Engelbert Pöschl, das Hauptwerk Hippolyt Guarinonis „Die Grewel der Verwüstung menschlichen Geschlechts“ und die Malfatti-Apotheke genannt.

Einen äußerst wichtigen Beitrag hat Edwin auch bei den Renovierungsarbeiten in unserem Depot II gezeigt, hier haben wir an mehreren als „Aktionstagen“ bezeichneten Gelegenheiten die Deckenfließen und Wände geweißelt, den Boden gereinigt, die Überreste des vorherigen Mobiliars entfernt und neuen Boden verlegt. Ohne Edwins anpackende und geschickte Art wäre das Endergebnis nicht annähernd so vorzeigbar geworden. Jede Baustelle braucht immerhin ihren Polier (und auch ihre „Brezen-Selfies“).

„Brezen-Selfie“ an einem der Aktionstage am 30.09.2017 (v.l.n.r.): Christian Lechner, Christoph Neuner, Astrid Aichinger, Edwin Knapp, Georg Aichinger und Miriam (damals noch) Wimmer.

In der Generalversammlung unseres Vereins 2018 wurde ich zum Obmann gewählt. Einem Wahlergebnis, dem ich nur deswegen zustimmte, da Edwin sich bereit erklärt hatte, als Schriftführer zu fungieren. Mit objektivem Blick auf Veranstaltungs- und Mitgliederzahlen konnten Edwin und ich, selbstverständlich unterstützt durch alle weiteren aktiven Funktionär:innen, unseren Verein noch aktiver gestalten und dadurch bekannter machen. Dies gelang nur dank der schon jahrzehntelangen Vorarbeiten unseres Gründungs- und nunmehrigen Ehren-Obmanns HR Dr. Neuner und der vorherigen aktiven Funktionär:innen.

Edwin und ich hatten mehr Ideen und Visionen im Kontext Pesthaus als wir letztlich Zeit zur Verfügung hatten. Ein wichtiges Tätigkeitsfeld Edwins war der Versuch, unsere Sammlung an einen veritablen Museumsstandort zu transferieren. Hier lag das Hauptaugenmerk auf dem Innsbrucker Siebenkapellenareal. Hierfür setzte Edwin alle Hebel in Bewegung, dennoch scheiterten wir hier an bürokratischen Belangen. Die Vision, das Saluteum perspektivisch in ein veritables Museum zu verwandeln, teilten Edwin und ich vollinhaltlich, während wir beide als Kliniker und damit auch pragmatische Realisten gleichzeitig unsere aktuelle Situation in der Landespflegeklinik in Hall in Tirol mehr als zu schätzen wussten, im Gegenteil arbeiteten wir auch hier auf Hochtouren, das Schaudepot Saluteum dort bestmöglich zu nützen und auszubauen. Edwins Bedeutung in diesem Kontext für unseren Verein und für mich als Obmann kann kaum überschätzt werden. Sämtliche neuen erfolgreichen Veranstaltungsformate der letzten Jahre entstanden durch Diskussion und Reflexion in vielen persönlichen Gesprächen und Telefonaten zwischen Edwin und mir.

Wie oft ich Edwin nach der Arbeit auf der Zugfahrt zur Besprechung angerufen und dann noch länger am Zielbahnhof neben meinem Fahrrad gestanden bin, weiß ich nicht mehr. Wie oft mich Edwin nach einem Nachtdienst abgeholt hat, so dass wir gemeinsam ins Saluteum oder in Pesthausbelangen woanders hingefahren sind, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, einige Dutzende Male jedenfalls sicherlich. Vielfach sind wir mittags dann gemeinsam Essen gegangen und haben weiter an Plänen und Prozederes gefeilt.

 

Edwins Bedeutung für mich geht allerdings weit über unser gemeinsames Herzensprojekt Pesthaus hinaus. Letztlich hatte ich in Edwin trotz unseres Altersunterschiedes über die Jahre einen sehr guten, einen väterlichen Freund gewonnen, dessen Erfahrung und Meinung ich praktisch für alle Aspekte meines Lebens (von privat über beruflich) sehr zu schätzen wusste. Edwin war immer daran gelegen, dass ich auch privat auf mich schaue, da er mich öfters als „Kerze, die an zwei Enden brennt“ beschrieb. Er meinte damit, dass ich gleichzeitig für mehrere Dinge in meinem Leben brannte und hohes Engagement und Ehrgeiz bewies. Ein besonderes Merkmal guter Freundschaft scheint mir, dem Gegenüber auch den Spiegel vorzuhalten, wenn man sich nicht richtig oder optimal verhalten hat. Auch diese konstruktiv-erdenden Rückmeldungen Edwins habe ich sehr geschätzt, und, ich würde hoffen, davon auch perspektivisch profitiert. Die letzten Zeilen könnten fälschlich annehmen lassen, dass unsere Diskussionen einen asymmetrischen Charakter hatten, nichts wäre unrichtiger, denn stets nahm Edwin meine Meinung und Einschätzung ernst und wenn wir, was selten geschah, nicht von Anfang an auf ein Projekt oder Prozedere bezogen einer Meinung waren, dann fanden wir stets einen für uns beide letztlich dann perfekten Kompromiss.

 

Ich bin dankbar, Edwin über zehn Jahre als väterlichen Freund und auch als meinen Mentor kennen- und schätzen gelernt zu haben und denke regelmäßig mit großer Freude, aber auch steter Trauer an die gemeinsame geschenkte Zeit zurück. Letztlich kann ich nur allen wünschen, eine solche Person im Leben zu haben, wie Edwin das für mich war.

Mag. Dr. Christian Lechner

Obmann Freundeskreis Pesthaus und noch wichtiger: Edwins Freund

Wir haben bei praktisch jeder unserer Ausstellungen in den letzten Jahren ein gemeinsames Selfie gemacht. © Freundeskreis Pesthaus