11. MuGI-Abend am 21.10.2026

Vincent van Gogh – sein abgeschnittenes Ohr und sein Tod – Ein chirurgischer und ein forensischer Beitrag zur van Gogh-Forschung

Univ.-Prof. i.R. Dr. Josef Weimann, MA MA (Innsbruck)

Der mittlerweile elfte medizinhistorische Vortragsabend unserer MuGI-Reihe (Medizin und Geschichte Innsbruck) fand am 21.10.2026 im großen Hörsaal der Kinderklinik Innsbruck statt. Dort wurden die interessierten knapp 80 Anwesenden zunächst von unserem Obmann Mag. Dr. Christian Lechner begrüßt, welcher kurz unseren Verein sowie den Referenten des Abends vorstellen durfte.

In seinem anschließenden Vortrag „Vincent van Gogh – sein abgeschnittenes Ohr und sein Tod“ zeichnete Univ.-Prof. i.R. Dr. Josef Weimann, MA MA die historischen Abläufe in den letzten Lebensjahren des berühmten niederländischen Künstlers van Gogh (1853-1890) nach. Im Mittelpunkt standen dabei zwei Ereignisse: die Selbstverstümmelung seines linken Ohres am 23. Dezember 1888 in Arles sowie sein Tod am 29. Juli 1890 in Auvers-sur-Oise bei Paris.

Zwei Fragen lagen dabei im Mittelpunkt des Vortrages:

  1. Hätte van Gogh im Rahmen der Selbstverstümmelung seines linken Ohres verbluten können?
  2. Woran verstarb van Gogh letztlich, nachdem am 27.07.1890 ein Revolverprojektil in seinen Körper drang?

Prof. Weimann rekonstruierte zunächst anhand zeitgenössischer Quellen die Ereignisse rund um die Abtrennung des linken Ohres. Unter Berücksichtigung der anatomischen Verhältnisse und der möglichen Verletzung der versorgenden Blutgefäße erläuterte er, weshalb ein tödlicher Blutverlust unter den geschilderten Umständen nicht anzunehmen sei.

Prof. Weimann bei seinem Vortrag mit den beiden zentralen Fragen auf der Folie (© Freundeskreis Pesthaus).

Deutlich komplexer gestaltete sich die Rekonstruktion der Ereignisse rund um van Goghs Tod. Am 27.07.1890 erlitt der Künstler eine Schussverletzung im Bereich des Oberkörpers, wo genau bleibt unklar, und kehrte anschließend in seine Unterkunft, die Auberge Ravoux in Auvers-sur-Oise, zurück. Dort wurde er ärztlich versorgt. Zu den beteiligten Ärzten gehörten Dr. Paul Gachet, der van Gogh bereits zuvor betreut hatte, sowie Dr. Anton Hirschig. Auch Gachets Sohn Paul, später als Paul Gachet junior bekannt, spielte in den späteren Überlieferungen über die letzten Lebenstage des Künstlers eine Rolle. Ob Gachet junior bei der Untersuchung des verletzten van Gogh tatsächlich anwesend war und die Schusswunde selbst gesehen hatte, ist allerdings keineswegs gesichert.

Besonderes Augenmerk richtete Prof. Weimann auf die unterschiedlichen Schilderungen der Schussverletzung. Gerade die späteren Aussagen von Paul Gachet junior erwiesen sich dabei als problematisch, da er im Laufe der Zeit mehrere voneinander abweichende Versionen hinsichtlich der Lage und Beschaffenheit der Schusswunde überlieferte. Angesichts der fraglichen Anwesenheit Gachets junior bleibt zudem offen, ob seine Beschreibungen überhaupt auf eigenen Beobachtungen beruhten. Diese Unsicherheiten und Widersprüche erschweren eine verlässliche Rekonstruktion des Schusskanals und damit auch eine eindeutige Beurteilung des Geschehens.

Während van Goghs Tod traditionell als Suizid eingeordnet wird, wurden in der historischen Forschung auch alternative Erklärungen diskutiert. Insbesondere stellt sich die Frage, ob der Künstler die Schussverletzung selbst herbeiführte oder ob ein anderer Mensch den Schuss abgegeben haben könnte. Die überlieferten Angaben zur Schussverletzung, zum möglichen Schusswinkel und zu den Umständen des Geschehens lassen unterschiedliche Interpretationen zu. Eine zweifelsfreie Klärung ist anhand der erhaltenen Quellen nicht möglich.

Ergänzend stellte Prof. Weimann experimentelle Untersuchung zum Schussvorgang vor. Dabei wurde anhand des originalen 7-mm-Lefaucheux-Revolvers und eines ballistischen Gelblocks untersucht, welche Eindringtiefe ein Projektil erreichen konnte. Die Versuche zeigten, dass eine Eindringtiefe von rund sieben Zoll, entsprechend etwa 18 Zentimetern, möglich war. Solche ballistischen Erkenntnisse können helfen, die Plausibilität verschiedener Schussszenarien zu beurteilen, erlauben für sich genommen jedoch keine eindeutige Unterscheidung zwischen Selbst- und Fremdbeibringung.

Der gut gefüllte große Hörsaal des Kinder-Herz-Zentrums beim Vortrag von Prof. Weimann (© Freundeskreis Pesthaus).

Van Gogh überlebte die Schussverletzung zunächst und verstarb erst rund 30 Stunden später, am 29. Juli 1890, im Alter von 37 Jahren. Sein Bruder Theo war in den letzten Stunden bei ihm. Aus medizinischer Sicht kommen als unmittelbare Todesursache insbesondere die Folgen des Blutverlustes oder eine schwere Infektion mit nachfolgender Sepsis infrage. Welche dieser Komplikationen letztlich ausschlaggebend war, lässt sich aus den historischen Quellen nicht mit Sicherheit bestimmen. Da die Leiche van Goghs nach seinem Tod nicht obduziert wurde, wäre eine Möglichkeit zur weiteren Klärung der Todesumstände eine Exhumierung der Leiche van Goghs und eine forensisch-pathologische Untersuchung.

Der Vortrag verdeutlichte, wie sich historische Überlieferungen durch anatomische, chirurgische und rechtsmedizinische Überlegungen kritisch überprüfen lassen. Zugleich zeigte das Beispiel van Goghs die Grenzen einer nachträglichen medizinischen Rekonstruktion auf: Auch wenn einzelne Hypothesen anhand naturwissenschaftlicher Erkenntnisse gestützt oder entkräftet werden können, bleiben wesentliche Fragen zu den Umständen seines Todes bis heute offen.

Die anschließende Frage- und Diskussionsrunde gestaltete sich äußerst interessiert und Prof. Weimann fasste einzelne Aspekte seines Vortrages im Rahmen der Beantwortung mancher Fragen nochmals kompetent zusammen. Dr. Lechner lud abschließend noch zu weiteren zeitnahen Veranstaltungen ein und bat die Anwesenden in das Hörsaalfoyer zu einem gemeinsamen Glas Saft oder Wein. Hier ergab sich für die Anwesenden auch die Möglichkeit, das Buch Prof. Weimanns zur im Vortrag erörterten Thematik rund um van Goghs Selbstverstümmelung und seinen Tod zu erwerben, wovon rege Gebrauch gemacht wurde. Die Rückmeldungen der Anwesenden an den Vortragenden und auch die Organisatoren waren durchwegs positiv.

Der Freundeskreis Pesthaus bedankt sich nochmals bei Prof. Weimann für seinen beeindruckenden Vortrag und freut sich schon auf weitere Zusammenarbeit!

Beitragsbild: Vincent van Gogh, Selbstbildnis mit verbundenem Ohr und Pfeife, 1889.