Weinwelt des Mittelalters – Unsere sechste Weinverkostung am 28.11.2025

Die mittlerweile sechste Weinverkostung unseres Vereins fand am 28.11.2025 in einem außergewöhnlichen Rahmen statt: In der „Burg“ des Karolinger Ritterbundes in der Innsbrucker Universitätsstraße bot sich den Teilnehmer:innen ein stimmungsvoller Ort, wie geschaffen für einen Abend im Zeichen historischer Weinwelten.

Der Karolinger Ritterbund, der sich seit Generationen der Pflege von Freundschaft, Geselligkeit und historischer Tradition verschrieben hat – seinem Wahlspruch folgend „Dem Freund zum Schutz, dem Feind zum Trutz, dem Nächsten zur Wehr“ – stellte seine Räumlichkeiten zur Verfügung und verlieh der Verkostung ein nahezu kapitelhaftes Ambiente. In einleitenden Worten hieß Großmeister Gunther von Isenstein die Gäste willkommen; auch unser Obmann Dr. Lechner dankte für die Gastfreundschaft.

Großmeister Gunther von Isenstein (rechts) mit Burgfräulin Manuela und Harald (© Freundeskreis Pesthaus)

Thematisch führte die Verkostung in die Weinwelt des Mittelalters. Ziel war es ausdrücklich nicht, historische Weine rekonstruieren zu wollen – zumal Rebsorten über Jahrhunderte genetische Veränderungen erfahren und heutige Weine selbst bei identischer Sortenbezeichnung kaum dem Geschmack vor tausend Jahren entsprechen dürften. Vielmehr sollte anhand ausgewählter Rebsorten, Anbaumethoden und Ausbauformen nachvollzogen werden, welche geschmacklichen Linien, Handelswege und kulturellen Bedeutungen den Wein dieser Epoche prägten.

Ein kurzer historischer Überblick spannte den Bogen von der antiken Mittelmeerwelt über die griechische und römische Expansion bis zur mittelalterlichen Weinwirtschaft. Archäologische Funde belegen frühe kultivierte Reben bereits in vorgeschichtlicher Zeit; eine gesicherte Kontinuität der Weinproduktion nördlich der Alpen lässt sich jedoch erst mit der griechisch-römischen Kultur nachweisen. Mit der Ausbreitung des Römischen Reiches wurde der Weinbau systematisch in neue Regionen getragen – nicht zuletzt aus pragmatischen Gründen, da Transportkosten über Land immens waren und eine dezentrale Produktion notwendig machten. So gelangte der Weinbau bis in die nördlichen Provinzen und nach Britannien.

Unser Weinakademiker und Schriftführer Georg Aichinger in seinem Element. (© Freundeskreis Pesthaus)

Im Mittelalter selbst wurde meist pauschal von „Wein“ gesprochen; differenzierte Sortenbezeichnungen waren selten. Überliefert sind Bezeichnungen wie „hunnischer“ und „fränkischer“ Wein, wobei wohl sowohl Qualitäts- als auch Herkunftsunterschiede gemeint gewesen sein könnten. Auch Hildegard von Bingen unterschied zwischen leichteren, wässrigeren Weinen und gehaltvolleren Varianten, die verdünnt werden sollten.

Bedeutend war in Mitteleuropa lange die Sorte Heunisch, eine ertragreiche, robuste Rebe, die zwar als wenig aromatisch galt, jedoch aufgrund ihrer regelmäßigen Erträge wirtschaftlich attraktiv war – insbesondere in Zeiten, in denen Abgaben und Zehent häufig mengenmäßig fixiert waren. Der Heunisch ist genetisch an zahlreichen heutigen Sorten beteiligt. Aus seinem Umfeld entwickelte sich unter anderem der Elbling, eine der ältesten dokumentierten Rebsorten Mitteleuropas.

Den Auftakt der Verkostung bildete folgerichtig ein Elbling 2023 vom Bayerischen Bodensee. Er zeigte sich frisch, lebendig und klar vinifiziert – ein moderner Ausbau einer historisch tief verwurzelten Sorte. In der Diskussion wurde deutlich, dass historische Rebsorten zwar alte Wurzeln besitzen, ihre heutige Stilistik jedoch das Ergebnis zeitgenössischer Kellertechnik ist.

Zur parallelen Verkostung erhielten die Anwesenden ein Glas Wiener Gemischter Satz vom Nussberg (2023). Der gemischte Satz – also der gemeinsame Anbau und die gemeinsame Lese verschiedener Rebsorten – war über Jahrhunderte die Regel und diente als natürliche Absicherung gegen Witterungsrisiken. Früh- und spätreifende Sorten ergänzten sich, Ertragsschwankungen wurden ausgeglichen. In Wien hat sich diese historische Praxis bis in die Gegenwart erhalten und wurde als DAC (Districtus Austriae Controllatus) sogar regionaltypisch definiert. Das präsentierte Beispiel – mit einer großen Sortenvielfalt deutlich über den Mindestanforderungen – veranschaulichte eindrucksvoll die aromatische Komplexität dieser traditionellen Anbauform.

Mit dem Tramin Orange 2022 aus der Slowakei wurde der Blick auf historische Ausbauweisen gelenkt. Lange Maischestandzeiten bei Weißweinen waren keineswegs eine moderne Modeerscheinung, sondern im Mittelalter häufig anzutreffen – nicht zuletzt, weil die Trauben oft bereits im Weingarten angetreten wurden und mitunter längere Zeit bis zur Pressung verging. Der Ausbau auf der Maische führt zu strukturgebenden Gerbstoffen und einer oxidativen Prägung, wie sie heute im Rahmen der sogenannten Orange-Weine wieder bewusst gesucht wird. Der Traminer – selbst eine der ältesten europäischen Sorten und genetischer Vorfahr zahlreicher heutiger Rebsorten – verband historische Referenz mit zeitgenössischer Interpretation.

Ein weiteres Beispiel traditioneller Oxidationsstile bot die Vernaccia di Oristano (Flor 2020) aus Sardinien. Der Wein reift mehrere Jahre im Fass, ohne dass der Verdunstungsverlust aufgefüllt wird. Es bildet sich eine Florhefe – vergleichbar mit Sherry –, die den Wein prägt und zugleich vor übermäßiger Oxidation schützt. Nussige, oxidative Aromen und eine enorme Langlebigkeit zeugen von einer mediterranen Tradition, die bis in die Antike zurückreicht.

Auch historische Quellen belegen unterschiedliche Praktiken im Umgang mit Wein. Mittelalterliche Traktate warnen vor zu langer Maischestandzeit aus Sorge vor Qualitätsverlust, beschreiben jedoch zugleich Techniken der Farbintensivierung – etwa durch Zusatz von Holunderbeeren – sowie die Aromatisierung mit Kräutern oder Gewürzen. Die Grenze zwischen Wein, Würzwein und Heiltrunk war fließend.

Nach diesen Exkursen folgte mit dem Schilcher „Harmonie“ 2024 aus der Steiermark ein stilistischer Kontrapunkt, bevor die Verkostung in klassische französische Regionen führte: Moulin-à-Vent, Bourgogne Hautes-Côtes de Beaune, Chinon und Madiran spannten einen Bogen von burgundischer Feinheit bis zu strukturbetonten, tanninreichen Weinen, wie sie im Spätmittelalter zunehmend geschätzt wurden. Immer wieder wurde deutlich, wie eng Weinbau, Klöster, Adel und Fernhandel miteinander verflochten waren.

Den Abschluss bildeten zwei Süßweine mit besonders tiefer historischer Verwurzelung: die Commandaria Alasta 2016 aus Zypern, einer der ältesten namentlich bekannten Weine der Welt, sowie ein Banyuls Rimage 2016, der den Bogen zur mediterranen Süßweinkultur spannte und den Abend würdig ausklingen ließ.

Die Verkostung war geprägt von interessiertem Austausch und freundschaftlichen Diskussionen, die sowohl dem Pesthaus als auch dem Karolinger Ritterbund ein zentrales Anliegen sind. Der Abend zeigte einmal mehr, dass Wein nicht nur Genussmittel, sondern auch kulturhistorisches Objekt ist.

Unser herzlicher Dank gilt dem Karolinger Ritterbund für die Gastfreundschaft sowie dem souverän durch den Abend führenden Duo Georg und Astrid Aichinger. Wir freuen uns bereits auf die nächste Weinverkostung!

Beitragsbild: Die verkosteten Weine auf dem schon traditionellen „Aufreihungsfoto“ (© Freundeskreis Pesthaus).

Astrid und Georg Aichinger gebührt erneut großer Dank für die hervorragende Verkostung! (© Freundeskreis Pesthaus)